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analyzers Filmtagebuch

Archive for the ‘Angelesen’ Category

Nachlass eines Massenmörders

Posted by analyzer on April 5, 2008

Vor einigen Monaten wurde ich auf Serdar Somuncu aufmerksam, der zunächst wie jeder andere Komiker wirkte, auf dem zweiten Blick aber doch faszinierte: trotz gelegentlichem Fäkalhumor und permanenten NS-Anspielungen gelingt es Somuncu, mit seiner Art zu begeistern und natürlich zu unterhalten.
Selbst nach dem tausendsten Hören der CD wird einem nicht langweilig und man kann sogar noch, oder besser: gerade dann!, live über seine Witze lachen. So erging es mir zumindest, als ich vor einigen Wochen bei seiner neuesten ‘Lesung’ lauschen durfte.

Schon vorher aber entschied ich mich dazu, mir sein erstes Buch zu seiner ersten großen Tour zuzulegen: in “Nachlass eines Massenmörders” dokumentiert Somuncu seine Erlebnisse bei der Lesereise zu “Mein Kampf” und erzählt so mancherlei Anekdote aus unbekannten Orten dieses Landes. Neben der Rezeption des Publikums und der oft einhergehenden Kontroverse ob seiner Thematik erteilt uns Somuncu auch gerne eine Geschichtslektion im Stile Guido Knopps und weist uns darauf hin, was sich vor rund 70 Jahren abspielte und wie es soweit kommen konnte.
Wie man merken dürfte, fand ich diesen Part eher nicht so gelungen und hätte doch auf eine ausführlichere Tourbeschreibung im Tagebuchstil gehofft. Diese fällt leider viel zu kurz aus und man bekommt nur einen kleinen Eindruck, was Somuncu während dieser Zeit alles erlebte.

Stilistisch wirkt das Ganze sehr sicher, grobe Schnitzer finden sich eher selten. Ich war zugegeben etwas überrascht, da ich vielmehr ein heiteres Potpourri seiner schlimmsten Sprüche erwartet habe, konnte mich aber schnell mit der Art anfreunden und empfand es als sehr flüssig zu lesen. Da hat jemand wohl neben seiner Schauspielerausbildung auch etwas Schreiben gelernt, sehr schön.

Für den Mainstream-Somuncu-Freund mag das Buch eher nichts sein, für jeden Interessierten an einer Lesung aus “Mein Kampf”, der damit obligatorischen eher negativen Rezeption (“Der is doch ‘nen Nazi!”) und der Bewältigung ebendieser aber durchaus empfehlenswert.

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Reggae in Deutschland

Posted by analyzer on February 27, 2008

Noch nie ist die Geschichte des Reggae in Deutschland erzählt worden, dabei gehört diese Musik zu den erfolgreichsten Strömungen der letzten Jahre. Olaf Karnik und Helmut Philipps haben sich auf die Suche nach den Ursprüngen gemacht und stellen zum ersten Mal die wichtigsten Artists, Platten, Produzenten, Labels und Sound Systems aus Deutschland vor.

Seit langem hab ichs mal wieder geschafft, ein Büchlein fertigzulesen. Diesmal war es wieder eines aus meinem liebsten ‘Genre’, ein Sachbuch.
In 15 Kapiteln, die jeweils ein anderes Subthema des großen Blocks Reggae behandeln, erzählen uns Karnik und Philipps alles von den ersten Anfängen bis zu sehr aktuellen Artists wie der meiner Meinung nach eher unsägliche Ronny Trettmann oder der großartige Sebastian Sturm, die schon allein mit ihren deutschen Namen (und nicht etwa Ganjaman, Jahcoustix etc heißen) eine neues Selbstverständnis einläuten, das in den ersten Jahren noch nicht vorhanden war.
Es galt, jamaikanische Sänger, Gruppen und speziell Sound Systems zu imitieren, um im besten Falle auch in Jamaika Erfolg zu haben. Das verblieb den meisten verwehrt, doch dann trug es sich 2005 zu, dass ausgerechnet Sentinel den World Clash gewann und alle Aufmerksamkeit galt auf einmal Deutschland.

Nebst der Sound System Kultur werden selbstverständlich auch die populärsten deutschen Reggaeacts interviewt oder analyisiert, da darf auch ein Gentleman oder Seeed nicht fehlen. Auch wenn das oftmals gar kein Reggae in Reinform mehr ist: sie waren es, die es in Deutschland ganz groß rausbrachten und dem Reggae auch hier ein Forum boten. Dafür muss und sollte man ihnen dankbar sein.

Sehr interessant sind auch die Interviews mit Germaican Records und Patrice, selbst Hans Söllner wird nicht ausgelassen und bekommt ein eigenes Kapitel. Zuguterletzt wird auch noch Dub in Deutschland thematisiert, das war selbst mir bis dato unbekannt, dass es da schon in den 80ern Bemühungen gab.

Alles in allem ein interessantes Büchlein mit vielen Anekdoten und Fakten, wobei sich von Kapitel zu Kapitel Redundanz bemerkbar macht. Viel Neues bot es nicht, es fasst aber alles zusammen und man fühlte sich eigentlich nie gelangweilt. Für jeden Reggaefan sicher eine nette Lektüre am Rande, für Gelegenheitshörer gibt’s ne Menge Informationen und etliche unbekannte Begriffe, die erstmal abschrecken mögen. Dank eines Glossars sollte aber auch das kein Problem sein.

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The Crying of Lot 49

Posted by analyzer on December 22, 2007

Die Hausfrau Oedipa Maas wird zur Testamentsvollstreckerin ihres ehemaligen Liebhabers bestimmt, des Immobilienspekulanten Pierce Inverarity. Sie macht sich auf den Weg durch Kalifornien und versucht herauszufinden, wer Pierce Inverarity war, wer sie selbst und was Amerika ist, und lernt dabei eine andere Welt als ihre bisherige kennen, die völlig anderen Regeln folgt. Umgeben von Ausgeflippten, Isolierten und Verstörten, die von der Welt ausgeschieden worden sind wie Abfall, scheint Oedipa einer jahrhundertealten Gegenverschwörung auf die Spur zu kommen. Oder ist alles nur eine Fiktion, ein Wahn?

Nachdem ich vor einiger Zeit in einer Vorlesung zum nordamerikanischen Modernismus die Kurzgeschichte Entropy von Thomas Pynchon las, nahm ich mir schon lange vor, einmal eines seiner umfassenderen Romane zu lesen. Da meine Freundin das Buch im Rahmen eines Hauptseminars kaufen musste, bot sich auch für mich die (durchaus kostengünstige) Gelegenheit, endlich mal mein Vorhaben zu verwirklichen.
Allerdings war ich nach der Lektüre nicht wirklich schlauer als zuvor und der typische Pynchon-Effekt trat ein: ich muss viele Passagen ein zweites Mal lesen, um überhaupt zu verstehen, worum es gerade geht. Der Originaltext ist akzeptabel zu lesen, allerdings sind einige seiner Satzkonstruktionen nicht unbedingt förderlich. Doch sobald man sich daran gewöhnt hat, läuft es sehr flüssig und man wird in eine postmoderne Geschichte hineingezogen, die immer abstrusere Wendungen annimmt. Die physikalischen und technischen Einschübe (wie etwa auch hier der Verweis auf die Entropie) faszinieren und machen das Ganze noch ein Stückchen realistischer.
Alles in allem ein empfehlenswertes Buch für all diejenige, die gerne mal etwas “anderes” lesen möchten als immer nur den gleichen Einheitsbrei. Pynchon ist wohl einer der großartigsten Autoren unserer Zeit, auch wenn seine Werke alles andere als leicht zu lesen sind. Aber gerade das übt den Reiz daran aus.

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The Time Machine

Posted by analyzer on December 22, 2007

Ein Untertan Ihrer Majestät Queen Victoria, der namenlose »Zeitreisende«, erzählt seinen Freunden von seiner Erfindung: einer fahrradähnlichen Maschine, die Vor- und Rückwärtsbewegungen auf der Zeitachse, mithin also die Erforschung des Schicksals der menschlichen Spezies ermöglicht. Während einer Demonstration entschwindet der Erfinder und taucht erst acht Tage später wieder auf. Wunderliches hat er zu berichten aus dem Jahr 802701, wo für die kindlich-zutraulichen Eloi alle Menschheitsträume in Erfüllung gegangen zu sein scheinen. Doch die Idylle trügt…

Seit vielen Jahren liebe ich die Verfilmung dieses Werks und zähle es immer wieder gerne auf, wenn nach meinen Lieblingsfilmen gefragt wird. So wurde es also langsam Zeit, auch mal die Vorlage zu lesen und mir selbst ein Bild von dem zu machen, was Wells so schreibt.
Immer wieder wurde ich (leider) an den Film erinnert und hatte so gut wie jede Szene vor meinen Augen; mir war es also vergönnt, das unbeeinflusste Leseerlebnis zu haben, aber andererseits ist das ein großer Pluspunkt für Pals Umsetzung, die somit wirklich perfekt das Buch umsetzt.
Die englische Ausgabe (mal wieder eine Penguin-Veröffentlichung, die in unserem Bücherregal immer populärer werden) liest sich sehr flüssig und wurde mit zahlreichen interessanten Zusatzinformationen und Kommentaren versehen, die noch einen tieferen Einblick in das Werk selbst bieten. Wells bietet eine erschreckend negative Darstellung der Zukunft, indem er weniger auf die Zeitmaschine selbst als viel mehr auf die vorherrschenden sozialen Verhältnisse eingeht: es gibt eine “Herrscherklasse”, die unterirdisch lebt und lichtempfindlich ist, die Morlocks, und eine naive “Prey-Klasse”, die oberirdisch leben und sich nicht um morgen kümmern, die Eloi. Die Eloi kümmern sich nicht um ihren Nächsten und leben in völliger Muse, bis sie letztendlich von den Morlocks eingefangen werden.
Anstatt eine hochtechnische Welt zu beschreiben dreht Wells den Spieß um und zeigt uns, dass wir uns genauso gut auch rückwärts entwickeln könnten. Die realistischen und detailreichen Beschreibungen des Zeitreisenden wirken authentisch und man ist gespannt, was er noch so alles aus der Zukunft zu berichten hat.
Ein wahrlicher Klassiker des Science-Fiction, den jeder einmal gelesen haben sollte.

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